Freitag. Seit Simon Erfolg hat, will er bereits am Abend vor dem Spiel etwas über die Gegner wissen. Und weil er tagsüber beim Training ist, hat er mir die Recherche aufs Auge gedrückt. Also beginnen meine Wochen jetzt bereits am Freitag. Was ich über den FC Karberg finde, lege ich in eine Mappe, blau, weil Blau seine Lieblingsfarbe ist. Die Mappe hat er gekauft und gesagt: «Endlich geht’s richtig los». Ich stimme zu und schliesse die Tür hinter ihm, gehe dann aber zuerst einmal in den Keller. Die Recherche verdient eine Belohnung und vielleicht liegt da ja noch eine von den 5-Sterne-Flaschen.
Simon bringt Pizza mit und verschwindet in der Küche, um Teller zu holen. Ich habe gegoogelt und tatsächlich etwas über den FC Karberg gefunden. Das werde ich dann auch für meinen Artikel benützen. Es ist gar nicht so schlecht, vorbereitet zu sein. Wir essen schweigend und genehmigen uns den Cognac zum Abschluss (von Carrefour und leider nur mit 3 Sternen).
Dann legt Simon eine Scheibe von Texas auf, er liebt die zerbrechliche Stimme von Sharleen Spiteri, wie er sagt. Und das heutige Training sei zum ersten Mal, seit er bei den Kickers spielt, einigermassen anspruchsvoll gewesen. Darnell, der Trainer, sei ihm gegenüber noch immer skeptisch, aber er scheine ihm inzwischen so etwas wie leichten Respekt zu zollen. Simon lächelt, als er das sagt und setzt hinzu: «Ich kenne das nicht anders. Das ist immer so, dass sie mich unterschätzen, die Trainer, die anderen Spieler und das Publikum.»
Er streicht das Kissen auf der weissen Couch zurecht und konzentriert sich auf die Musik, summt Black Eyed Boy mit. Seine Stimme ist ein kratziger Bass, lange nicht so sicher wie Sharleens, aber mit mindestens ebenso viel Charakter. Er lehnt sich zurück und schliesst die Augen. Er sieht zufrieden aus. Kann er ja auch sein: Stürmer bei einem Klub, der deutlich besser einzustufen ist als sein nordischer Vorgängerverein. Sicher, erst ein paar kurze Einsätze, trotzdem hat er zeigen können, was in ihm steckt. Er wohnt nahe seinem Arbeitsort in einem wunderschönen alten Stadthaus, dazu ist er in der fremden Stadt nicht allein. Er öffnet die Augen und sieht mich abschätzend an.
«Was tust du eigentlich sonst?», fragt er in den Refrain hinein.
«Was meinst du?», frage ich und starre auf den Bildschirm. Ich sitze im Ohrensessel, die nackten Füsse auf dem Parkett, und spiele mit den Zehen herum. Im Kopf schwirren mir Textfragmente für einen Brief herum. Die Musik wirkt eben auch auf mich.
«Na, was beschäftigt dich so unter der Woche, wenn du nicht Spielberichte schreibst oder mich zum Training begleitest?»
«Geht dich das was an?»
Simon lächelt wie ein Vater. «Eigentlich schon. Ich wohne ja auch hier.»