Simon Bulk ist blond, klein und hässlich. In genau dieser Reihenfolge. Wäre ich derart blond, würde ich mir das Haar färben, um nicht aufzufallen. Normal blonde Menschen sind eben normalblond, also weder hell- noch dunkelblond. Simon Bulk aber ist aber in keiner Weise normalblond, sondern unfassbar hellblond. Geradezu leuchtend nordisch blond. Und dazu weissgesichtig. Richtiggehend ungesund, als ob nie ein Sonnenstrahl seine Haut gestreift hätte. Er ist bleich, nicht käsig, denn Käse hat einen Gelbton, Hartkäse auf jeden Fall. Simon Bulk ist ein typischer Nordmann, weissgesichtig und blond. Er wäre ein typischer Nordmann, hätte er die richtige Grösse. Die Leute vom Norden sind alle gross gewachsen. Blonde, weissgesichtige und gross gewachsene nordische Menschen. Simon Bulk aber ist klein. Wäre ich so klein, ich würde hohe Absätze tragen, um nicht aufzufallen. Simon Bulk ist ein blonder nordischer Kleinwüchsiger. Kleinwüchsig ist vielleicht übertrieben. Etwas kleiner als ich. Aber ich bin auch kein Nordmann. Als wollte er es selber auf die Spitze treiben, ist Simon Bulk auch noch hässlich. Wäre ich so hässlich, hätte ich mich längst einer Schönheitsoperation unterzogen und die grosse Zahnlücke zwischen den Schaufeln schliessen lassen. Ich hätte meine Nase chirurgisch gerichtet und meine Ohren am Kopf festnähen lassen. Hätte ich getan, wenn ich wie Simon Bulk gewachsen wäre. Bin ich aber glücklicherweise nicht. Ich bin mittelgross, braunhaarig mit anliegenden Ohren und einer im Gesicht nicht auffallenden Nase. Ich würde mich nicht als schön bezeichnen. Aber bestimmt auch nicht als hässlich. Ich werde nie einen Preis als Mister Universum gewinnen, aber auch nicht mit Quasimodo verwechselt. 
Grundsätzlich hätte mir Simon Bulks Aussehen absolut gleichgültig sein können. Ich bin ja keine Frau, deshalb ist mir das Aussehen von anderen Männern ziemlich egal. Ich bin auch nicht schwul, obwohl man vermutlich nicht so schwul sein kann, um Simon Bulk lieben zu können. Also sollte mich der blonde, kleine, hässliche Nordmann eigentlich nicht aus der Fassung bringen. Wäre ich nicht Sportjournalist und Simon Bulk nicht gestern bei mir eingezogen.
Bestimmt ist es nicht immer möglich, sich seine Wohnpartner nach ihrem Aussehen auszusuchen. Ich habe ihn mir nur anders vorgestellt. So ziemlich. Als uns angekündigt wurde, unser Fussballklub habe sich nach Verstärkung aus dem Norden umgesehen, habe ich mir sofort ein Bild von diesem Burschen gemacht: blond – aber nicht so blond –, mit einem athletischen Körper, den es als Mittelstürmer der Kickers zweifellos braucht. So wie aber Simon Bulk daherkommt, rennen ihn die Gegner über den Haufen. Schmächtig ist er nicht gerade. Klein und stämmig würde ich sagen. Und dann noch hässlich. Ein hässlicher Fussballer, der gestern bei mir eingezogen ist. Gerade noch rechtzeitig zum letzten Saisondrittel. 
Nun, was soll’s, dachte ich, wenn er schon mal hier ist, dann stelle ich ihn auch gleich Jo vor. Das war gestern Abend. Wir zeigten Simon Bulk die Stadt, dann führten wir ihn in unser Stammlokal auf ein Bier. In dieser Kneipe kann man auch prächtig bowlen. 
Ich dachte, Jo würde kneifen, als ich ihr Simon morgens am Telefon geschildert hatte. 
Sie fragte: «Wie ist der denn so?», und ich sagte: «Blond, klein und hässlich. In genau dieser Reihenfolge.» 
Jo sagte: «Oh.» Sie sagt immer «oh», wenn sie nichts zu erwidern weiss. Was soll sie auch sagen. Sie hat sich ihn bestimmt auch blond – aber nicht so blond –, gross, athletisch und attraktiv vorgestellt. Habe ich ihr gegenüber erwähnt, er sei ein Nordmann? Wahrscheinlich habe ich das. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie sie «oh» sagte, als ich ihr seine Herkunft genannt hatte. Nicht, dass jetzt jeder denkt, Jo sage ständig nur «oh», so ist das nicht. Es sind nur diese Momente, wenn sie nichts erwidern kann, oder wenn sie sich irgendwas ausdenkt oder vorstellt. Vielleicht dachte sie: Nordmänner sind genau mein Typ. Sie könnte natürlich auch gedacht haben, Nordmänner sind gar nicht mein Typ. Vielleicht hat sie sich einfach gedacht, was soll denn so ein Nordmann sein? Schwede, Däne, Norweger, Finne? Ich hätte erwidert, Skandinavier eben, spielt das eine Rolle? Ich sagte es aber nicht, weil ich mir dann vermutlich einen ihrer gescheiten Vorträge hätte anhören müssen, von wegen skandinavischer Handelszone, Sprachgrenzen und so fort. Darum sagte ich nichts.
Ich meine, ich hätte nichts gesagt, hätte sie gefragt, was denn ein Nordmann sei. Ich habe mir ja bloss vorgestellt, sie hätte es sich denken können, als sie «oh» gesagt hatte. Kompliziert manchmal, diese Frauen.