Sonntag. Ich bin noch müde. War eine lange Nacht. Der Bairiki-Pub schliesst gewöhnlich um zwei Uhr morgens. Für die Kickers schloss er heute erst um vier. Sie feierten, als hätten sie einen Sieg errungen. Ich werde das nie verstehen, obwohl Simon versucht hat, es zu erklären: «Es geht nicht nur darum, ob du gewinnst oder verlierst, es geht auch darum, ob du alles gegeben hast. Vielleicht bin ich ein tragischer Held, weil ich den Elfmeter verschossen habe. Aber irgendwer musste in diesem Moment die Verantwortung übernehmen. Suster war draussen, Schönbeck ist Torwart, wer sollte sonst schiessen?»
«Rosset», hätte ich geantwortet, wenn Simon nicht ohne eine Antwort abzuwarten, weiter geredet hätte: «Also habe ich es versucht. Es gibt keine halben Sachen, entweder du tust etwas oder du tust es nicht. Ich werde nicht dafür bezahlt, nur dann zu funktionieren, wenn ich hundertprozentig fit bin. Ich muss alles geben, auch wenn mein Auge blutet.» Dabei zeigte er auf seine Schläfe. Jo, die daneben stand, blickte zum erwähnten Auge hoch. Ich glaube nicht, dass sie mich jemals so angesehen hat.
«Und schliesslich war es kein Endspiel. Wir haben einen Punkt gewonnen, nicht zwei verloren. So sehe ich das.»
So sieht das also Simon. Werde ich in meinen Bericht irgendwie einbauen. Und zwar genau jetzt, sonst läuft mir die Zeit davon. Schon zwölf Uhr mittags. Aber ich brauche meinen Schlaf, unbedingt.
Die Sternenwertung bekomme ich hin, das schüttle ich aus dem Handgelenk. Einige Details aus Simons Leben (Interview vom Dienstag einbauen) kann ich auch mit ruhigem Gewissen bringen, immerhin war er doch Hauptakteur im gestrigen Spiel. Das ist vorbereitet und liegt als Rohfassung auf dem Rechner. Also auch das kriege ich hin, ohne besonders ausgeruht zu sein. Ich habe noch Simons Worte im Ohr: «Es geht darum, ob du alles gegeben hast.» Auch das ist, im Geiste von Rob Wallart, einzusetzen, ohne dass ich davon einen roten Kopf bekäme.